Von Brettspielen und Gottes Allmacht

Der Kirchentag ist vergangen und nun beginnt die Nachlese. Für mich ist vor allem ein Workshop im Gedächtnis geblieben, der mich zum Nachdenken gebracht hat.

Während der Nerdchurch gab es einen Workshop, bei dem die Teilnehmenden aufgefordert wurden, einen Glaubensinhalt durch etwas zu erklären, woran sie ihr Herz hängen. Der Pfarrer, der uns diese Aufgabe stellte, meinte, Gottesdienste seien auch dann so unnahbar und unattraktiv, wenn das eigene Leben nicht vorkommt. Und Nerds würden eben mit sehr viel Liebe an etwas hängen, was andere zuweilen nicht verstehen z. B. Star Trek oder Fantasy-Rollenspiele. Für uns Nerds sollten wir also versuchen etwas in unserer Sprache auszudrücken.
Ich versuchte mich also an der Allmacht Gottes. Warum ist die Welt an so vielen Stellen Scheiße wie sie nun mal ist? Kriege, Umweltzerstörung, schlechte Menschen etc. wenn Gott allmächtig ist?

Also wenn ich ein Brettspiel spiele, bin ich ein wenig allmächtig. Ich bestimme das Spielfeld, die Pöppel und die Regeln. Wie wäre es also, wenn es ein Brettspiel gäbe, bei dem ich eine Regel hätte, die mir genau sagt, was ich zu tun habe, bei jeder einzelnen Entscheidung? Oder wenn die ganze Zeit jemand neben mir steht, der mir genau sagt, was ich tun muss? Ich glaube, ich würde das Spiel nicht spielen wollen. Spiele leben davon, nicht zu wissen wer gewinnt. Spiele leben davon, gewinnen zu können genauso wie zu verlieren. Und in meinem Leben ist es doch das Gleiche. Ich will Entscheidungen selbst treffen. Und ja, mir ist bewusst, dass ich dabei auch falsch liegen kann. Aber ich will die Freiheit haben auch Fehler zu machen, und wie viele Fehler wir machen sehen wir an unserer Welt. Doch Gott (ob nun allmächtig oder nicht) hat uns diese Freiheit geschenkt.
Nun saß ich mit anderen Menschen zusammen, die Brettspiele ebenso lieben wie ich. Es folgte eine angeregte Diskussion, die den folgenden Punkt hervorbrachte:
Aber – es gibt doch auch Menschen, die sagen – die Bibel ist die Richtschnur des Lebens. Nur wenn du alle Entscheidungen an diesem Buch ausrichtest, dann erfüllst du Gottes Willen. Und in der Bibel steht für jede Entscheidung eine klare Anweisung, wie man sich zu verhalten hat. Auf dem Kirchentag trifft man solche Menschen ja gerne an U-Bahn-Stationen und bekommt lustige Flyer in die Hand gedrückt.
Wie wäre es, die Bibel als Spielanleitung unseres Lebens anzusehen? Wir kennen alle die Spielregeln von „Mensch-ärgere-dich-nicht“. Wer alle vier Pöppel im eigenen Haus hat, darf dreimal würfeln. Bei einer sechs darf man herausziehen – egal wie lange das dauert. Wer jemals mit einer zum Jähzorn neigenden Vierjährigen gespielt hat, der wird feststellen, dass die Zusatzregel „Und wenn es zweimal hintereinander nicht geklappt hat, darf man automatisch einen Pöppel auf das Feld ziehen“ die Spielfreude und Dauer deutlich erhöht. Hausregeln sind absolut gängig. Bei Doppelkopfrunden sogar zuweilen absolut unangefochten Teil des Spiels. Spielregeln sind immer lückenhaft. Es kommt eine Situation im Spiel, die eben nicht genau beschrieben ist, was tut man dann? Es wird diskutiert und eine Lösung gefunden, die im Sinne des Spiels und der Freude aller ist. In diesem Sinne kann ich auch die Bibel verstehen: Sie wird diskutiert und dann findet man eine Lösung, die im Sinne des Lebens und der Freude am Leben ist. Nicht als Reglementierung oder Verbot für abweichendes Verhalten.
Und dann sagte in unserem Workshop ein junger Mann etwas, was mich nachhaltig beeindruckt hat:
„Aber es gibt einen Unterschied zwischen Spiel und Leben: Beim Spiel kann ich verlieren und wieder von vorne anfangen, im Leben nicht.“
Diese Aussage stimme in zweierlei Hinsicht nicht, wurde uns klar: Zum einen kann ich kein Spiel wirklich von vorne anfangen. Bei jedem Durchlauf lerne ich dazu. Ich mache Fehler und werde sie bei einer neuen Partie nicht wiederholen.Und zum anderen, und das trage ich bis heute im Herzen, ist doch genau das Gottes Weg mit uns: Egal ob wir im Leben verlieren, Fehler machen oder in die Irre laufen: Gott lädt uns ein, immer wieder mit ihm von vorne anzufangen. Es gibt kein Verlieren bei Gott ohne den Neuanfang, keine ewige Verdammnis. Der Gott, an den ich als evangelischer Christ glaube, nimmt uns an, so wie wir sind, und reicht uns für jeden Neuanfang mit ihm die Hand.
Ein Workshop von 20 Minuten Länge, der den Bogen von Gottes Allmacht über die Bibel zu Gottes Liebe schlägt – anhand von Brettspielen. Ich glaube, dass es wichtig ist die frohe Botschaft mit den Menschen zu teilen, und zwar so, dass sie diese verstehen.

Ich freue mich auf jeden Fall jetzt schon auf die Nerdchurch in Frankfurt 2021 beim Ökumenischen Kirchentag.

Malte Hausmann

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1 Kommentar zu „Von Brettspielen und Gottes Allmacht“

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